Der März ist die Hölle. Egal, wie alt man ist, man sieht aus wie ein Verbrecher. Das liegt am Winkel der Sonneneinstrahlung. Denn während die tief stehende Sonne im Herbst großzügige Bronzetöne spendet, zeichnet sie im Frühling krasse Holzschnittgesichter. Brutales Licht legt schlagartig Gräben und Furchen frei, die man sich im Winter in den Raucherzimmern diverser Bars angezüchtet hat.  Gleichzeitig entsteht mit den neuen Temperaturen hochgejazzte Nervosität, die die Leute aus der Stadt treibt. Aus irgendeinem Grund erhoffen sie sich Ekstase auf dem so genannten Land und fahren dann sonntags ziellos in die Peripherie.
Nur so ist es zu erklären, dass der Popjournalist und ich, statt bei schlechter Beleuchtung Gin Tonic zu trinken, uns am helllichten Tag zu einer Landpartie verabreden. Nach Monaten im digitalen Sumpf jetzt also eine durch und durch analoge Unternehmung, die kein i-phone-Filter dieser Welt weichzeichnen kann. Ungläubig sitzen wir in unseren Freizeitjacken im Auto und steuern das Raxgebiet an.
Bereits auf der so genannten Tangente legen wir Musik ein, vielleicht, um die Privatheit der Provinz auszublenden. Ich brauch Power für mein’n Akku. Habe keine Power in mein‘ Akku.. Baby, leih mir dein‘ Lader…. Ich brauch mehr Strom….

Mövenpick hat eine neue Corporate Farbe und die ist so arg grün, dass wir auf der Raststätte einen Cappuccino trinken müssen, um den Farbflash zu verkraften. Weil wir nicht wissen, ob wir die Speckbacher Hütte an diesem Tag wirklich erreichen werden, kaufen wir sicherheitshalber jede Menge Bounty (der Popjournalist) und Käsesemmeln (ich).

Eigentlich liegt der Semmering nicht auf unserer Route nach Breitenstein, aber durch eine kleine Unachtsamkeit … Es tut mir leid, wenn ich das alles nicht versteh‘ Es tut dir leid, wenn ich nach Hause geh‘ Dann rufst du an auf meinem Handy Dann bist du wieder candy … schlängeln wir uns plötzlich durch hautenge Bergstraßen. Der Popjournalist sagt, er weiß genau, wo wir hin müssen, aber ich vertraue nur meinem Navi. Weil wir so sind, wie wir sind, nehmen wir die vorüberziehenden Schönheiten des Semmering nicht besonders zur Kenntnis, sondern reden über die Sierra Nevada und die Öresundbrücke. Der Popjournalist sagt, er sei es allmählich leid, mit den falschen Frauen an die richtigen Orte zu fahren. Aber ich fürchte, da kann ich ihm auch nicht helfen.

Die Speckbacher Hütte, die von redlichen Ausflüglern zu Fuß von Reichenau aus erklommen wird, erreichen wir im Auto von der Maschekseite, über eine endlose Straße durch den Wald. Wir sind sozusagen aus Versehen schon am Ziel. Der Märzmatsch legt einen Schuhwechsel nahe. Aus der Speckbacher Hütte und um die Speckbacher Hütte und im ganzen Umkreis der Speckbacher Hütte riecht es nach Surschnitzel. Der Südföhn treibt die Geruchsschwaden durch das ganze Tal, möglicherweise bis nach Graz. Auf den Wiesen und Feldern liegt noch Schnee, aber der Spazierweg ist ein einziger Morast. Während der Popjournalist das Panorama preist, hüpfe ich im Zickzack zwischen den trockenen Stellen am Rande des Weges hin und her. Wie alle Männer, mit denen man in die Natur geht, erklärt er mir die Welt und die Himmelsrichtungen gleich dazu. Wenn man dort vorne runter geht, kommt man nach… und gleich dort hinten sieht man schon … und hier führen jetzt alle Wege nach… und siehst du dort hinten den..?   Mir soll es recht sein, das Raxgebiet ist echt nicht mein Revier.

Der Föhnsturm hat inzwischen noch zugelegt und so sitzen wir dann endlich in der Hütte. Weil wir so sind, wie wir sind, konzentrieren wir uns nicht auf die Speisekarte, sondern reden über den Datenskandal im Innenministerium. Und weil die Sonne jetzt doch wieder zu stark beim Panoramafenster hereinscheint und meine ruinierten i-phone-Augen blendet, ziehen wir die Vorhänge hinter uns so fest zu, dass die ganze Vorhangstange herunter kracht. Da lachen sie, in der Speckbacher Hütte und wir lachen auch, denn wir haben alles richtig gemacht an diesem Märztag.