Chlor und Zirbe. Im ganzen Hotel riecht es nach Chlor und Zirbe. Männer und Frauen schlurfen in ihren Bademänteln über die gewachsten Holzböden und verteilen den Schwimmbadgeruch in den langen Gängen zwischen Saunazone und Frühstücksbuffet. Ich habe so genannte Wellnesshotels immer gemieden.

Jetzt bin ich aber doch in einem gelandet und versuche, das Beste draus zu machen. Ich knote den Gürtel meines Bademantels fester und taste mich tapfer durch die schwülen Feuchtgebiete. Alles ist ja hier auf das Ausschwemmen, das Durchspülen und das Eintauchen ausgerichtet. Die Teesorten an der Getränkestation haben lustige Namen und sollen ein Organ retten oder irgendeiner Körperfunktion auf die Sprünge helfen. Nieren- und Blasentee, Aufwachtee, Einschlaftee, Entschlackungstee. Und es ist alles sehr basisch, also nicht im Sinne von basic, sondern von nicht sauer. Denn das dauernde Stieren auf die Handys und Computer und die Fleischfresserei und Kaffeesauferei machen die Menschen durch und durch sauer.
Hier kommen die übersäuerten Menschen dann für zweieinhalb Tage her. Sie schauen aber nicht durch die riesigen Panoramafenster auf den Dachstein, sondern sitzen auf Liegestühlen aus Zirbenholz und scrollen über ihre Ipads und smartphones und trinken Biokräutertee. Der Masseur sagt, sie sind alle zu fett und ruinieren ihre Gelenke. Und dass er dann in einem Tag ihre desolaten Gelenke wieder einrenken soll. Und dass das alles nicht gehen kann. Der Masseur spricht einen kernigen Regionaldialekt, aber er stammt aus einer anderen Gegend. Hier ist er nicht zu Hause. Hier ist es schwierig für ihn.
Ich will das nicht hören, weil ich ja, wie die anderen Übersäuerten, nur für ein paar Tage da bin und dann möglichst als durch und durch basischer Mensch in das giftige Metropolenleben zurückkehren möchte. Aber Herr Werner hat es eben auch nicht leicht. Das kann ich sofort hören, an seinem keuchenden Atem und auch spüren, an seinen fahrigen Bewegungen entlang meiner Wirbelsäule.

Ich soll in mich „eini g’spüan“, fordert er, aber ich spüre sofort in sein Unglück hinein, in seine trostlose Masseurexistenz inmitten der Bergketten, die nicht seine sind. Meine Muskeln, die sich entspannen sollen auf dem Massagebett, ziehen sich zusammen. Seine schwere Atmung. Es riecht nach Zirbe.
Ich bin keine gute Massagepatientin, denn am Ende erzählt er mir sein ganzes Unglück. „Mann, Sie sind ja total fertig“, sage ich ihm und dass er sich retten müsse. „Gehen Sie weg von hier!“, rate ich ihm, „Warten Sie nicht! Gehen Sie lieber heute als morgen“. Aber er wird natürlich bleiben, um die Übersäuerten zu heilen. Und solche, die noch unglücklicher sind als er.