Wir sind am Sonntag um elf Uhr in der Albertina verabredet („treffen uns drinnen“). Ein Wahnsinn natürlich, da hin zu gehen und sich freiwillig zwischen die Busladungen von Touristen zu quetschen.  Aber es ist nicht so schlimm an diesem Sonntag. Keith Haring ist eben nicht Rubens. Und obwohl Haring nicht Rubens ist, haben sie die Räume altmeisterlich ausgemalt. Zwar hätte sich Haring vielleicht schief gelacht, wenn er seine U-Bahn-Graffiti vor einer karminroten Wand gesehen hätte. Aber es sieht einfach fantastisch aus, das muss man der Albertina lassen. Und irgendwie passt es ja auch, dass der nobilitierte Trash jetzt so edel in der Gegend rumhängt.
Stefan Draschan ist leicht zu erkennen, er ist baumlang und ragt zwischen den Besuchern heraus wie ein Lehrer aus seiner Kleinkindgruppe. Er hat seine Nikon mit, ist also quasi im Dienst. Stefan fotografiert ‚people matching artworks‘, also Leute, die zu Kunstwerken passen und das ist die reinste Jagd. Damit auf dem Foto nachher eine Frau im Grafikprintpullover vor dem richtigen Bild steht, muss er sie vorher belauern und verfolgen. Während er also die Pulloverfrau stalkt, hat er gleichzeitg einen Jungen mit zitronengelber Baseballmütze auf dem Radar und außerdem ein Zwillingspärchen, zwei Mädchen mit rosa Sweatern. Es ist ein bisschen wie in diesen Überwachungsräumen für die U-Bahn, wo ein Typ vor 10 Bildschirmen sitzt und nicht übersehen darf, wenn dann auf genau einem was passiert.
So wie es Menschen gibt, die das absolute Gehör haben, so hat Stefan den absoluten Blick. Er sieht nicht nur, ob Leute die richtigen Farben und Muster für die richtigen Kunstwerke am Leib tragen, er ahnt auch schon die Bildkomposition, bevor die Person sich auf das Bild zubewegt. Gut kommen natürlich immer Hüte, Schals, Taschen und alle auffälligen Accessoires, die dann mit einem Kunstwerk eine optische Liaison eingehen. Aber auch Haare können was. Manchmal komponiert Stefan eine lange Löwenmähne zu einem Seerosenteich, dann kann wieder eine Dauerwelle einen Flirt mit einem Alten Meister hinlegen. „Zeitgenössich ist natürlich viel leichter“, sagt er. Und es stimmt einfach, dass die catchy Straßenkunst von Keith Haring in ihren Neonfarben und krakeligen Schriftzeichen bald einmal zu einem Kapuzenpulli in Orange oder einer Umhängetasche passt. Deswegen sind auch seine  Beutezüge in den kunsthistorischen Sammlungen viel kühner, die Trophäen viel wertvoller.
Gerade krümmt er wieder seinen langen Körper elastisch zur Seite, weil eine Frau in atemberaubendem Zebraprint im Begriff ist, sich langsam vor eine schwarzweiße Mickymaus zu schieben, dann springt er schnell zur Seite, weil er im nächsten Saal zwei Kinder entdeckt hat, die zu einem großen Plakat ‚gehören‘. Manchmal ‚gehören‘ Leute auch woanders hin. „Die g’hört ins Belvedere“, raunt er mir zu, als wir eine Frau beobachten, die im pastelligen Blumenprint durch die Ausstellung schlendert. Ihre Bluse würde super zu einem Stillleben matchen oder zu einer impressionistischen Landschaft, aber mit den Neon-Gelbs und Signal-Rots und Gift-Grüns von Keith Haring ergibt sich einfach kein Treffer.
Es muss komisch aussehen, wie ich den langen Stefan mit der Handykamera verfolge, der seinerseits mit seiner Nikon auf die Pirsch geht. Womöglich, so vermuten die Besucher, ist er ein Popstar. Und in gewisser Weise stimmt das ja auch.