Die Taxi Line vor dem Hotel Imperial ist kurz und wirkt irgendwie räudig. Nicht drei hochpolierte Limousinen, die um den Jackpot rittern – eine Fuhre zum Flughafen, sondern drei abgehalfterte Karren, die das Schicksal zur falschen Zeit an den falschen Ort geworfen hat.  Der mittlere Wagen wirkt noch am solidesten und ich überlege kurz, ob ich dort einsteigen soll. Aber dann fühle ich mich zu schwach, weil ich das schon kenne. Das Gekeife des Fahrers des ersten Wagens, der sich um seine Fuhre betrogen fühlt.  Erst vor ein paar Tagen habe ich so ein Geschrei in Berlin erlebt.
Ich beuge mich also dem Gesetz der Straße und steuere auf den ersten Wagen zu, einen Skoda. Durch die halb geöffneten Fenster strömt ein merkwürdiger Geruch in die eiskalte Nachtluft. Mein Instinkt rät mir fernzubleiben oder doch den zweiten Wagen zu nehmen.  Aber ich zögere eine Sekunde zu lange, setze mich auf die Rückbank und nenne dem Fahrer die Adresse im siebten Bezirk. Er sagt nichts und fährt los.
Zwei unterschiedliche Reize konkurrieren um die Vorherrschaft in meinem Sensorium. Da ist einerseits dieser stechende Geruch. Gleichzeitig frage ich mich, woher das monotone Bingbingbing herkommt, das umso deutlicher ist, als kein Radio läuft.
„Sagen Sie..“, wende ich mich, kaum, dass wir die Zweierlinie erreicht haben, an den Mann, „was ist das für ein Geruch hier bei Ihnen? Es riecht so … nach … Fisch?“
„Ja!“ strahlt der Fahrer in den Rückspiegel, „Fisch und Shrimps!“ Das ganze Auto ist voll davon!“ Ich drehe mich jetzt um und sehe, dass die ganze Fläche hinter der Rückbank mit Alufolie bedeckt ist.  Dahinter, darunter, überall muss Fisch sein. Fisch, der seinen Frischehöhepunkt bereits überschritten hat.
„Aha“, sage ich. „Und was machen Sie damit?“
„Bridge!“, entgegnet der Mann mit östlichem Akzent.
„Bridge?“, fragte ich.
„Ja! Es kommen Freunde ich mache die Salate.“
„Das ist schön für Sie! Aber ein Alptraum für ihre Fahrgäste!“, wende ich ein.
Bridge. Ich überlege, ob ich den Faden aufnehmen soll. Ein schwieriges Spiel und so.
Aber dann bricht es aus mir heraus, „und sagen Sie, was ist das für ein seltsames Geräusch? Dieses Bingbingbing?“
„Ach, ich höre das gar nicht mehr“, sagt der Mann und nestelt an seinem Sicherheitsgurt herum. Er bewegt sich schwerfällig und findet das Verbindungsstück nicht. Bingbingbing.
„Aber wenn Sie angehalten werden“, werde ich jetzt trotzig, „müssen Sie Strafe zahlen. Ist Ihnen das nicht zu riskant?“
„Ich bin befreit von der Gurtpflicht.“, entgegnet der Mann und hat das Ende des Gurtes jetzt gefunden. Das letzte Bing erstirbt und ich fühle mich schlecht. Vermutlich ist er körperbehindert oder hat einen Herzschrittmacher oder sonstwas. Ich kenne die Ausnahmekriterien für Sicherheitsgurte nicht. In der Dunkelheit, von der Rückbank aus, kann ich auch nicht erkennen, was dem Mann fehlt. Wir kriechen jetzt die Neustiftgasse hinauf. Rechts auf der Taxispur überholen uns Taxis und Radfahrer. Warum fahren wir nicht auf diesem Streifen? Ich wage nicht zu fragen. Der beißende Gestank umnebelt mich. Gleichzeitig fährt ein eisiger Luftstrahl durch das halb geöffnete Fenster auf der Fahrerseite.

Wir haben das Gasthaus Grünauer fast erreicht, aber er setzt mich ein Stück vorher ab, beim Gasthaus Wiener und behauptet, ich müsse die Straße zurück gehen. Vielleicht ist er einfach verrückt.
„Ich bräuchte eine Quittung“, sage ich, froh, dem Fischgefängnis bald zu entkommen.
„Ich habe keine Kassa“, entgegnet der Mann ungerührt.
„Dann müssen Sie mir halt eine Rechnung schreiben“, werfe ich ein.
Er sucht nach einem Block, erst jetzt sehe ich das Chaos im vorderen Teil des Autos. Einen kurzen Moment lang überlegte ich, ob er vielleicht in diesem Wrack wohnt?
„Das ist meine letzte Woche“, sagt er. „Ich höre auf.“ Ist er Pole? Bulgare? Russe?
„Und was werden Sie danach machen?“, frage ich, während er immer noch in seinen Sachen kramt.
„Keine Ahnung“, antwortet er und kritzelt einen Betrag auf einen Zettel.
Ich steige aus und nehme einen langen tiefen Zug. Januarluft.