Meinem Friseur ist übel. Und zwar so übel (keine Details!), dass er nach Hause gehen muss. Das bedeutet zwar zunächst, dass ich jetzt keinen Haarschnitt kriege, aber es führt dazu, dass sich unerwartet ein Zeitfenster öffnet: Am helllichten sonnigen Nachmittag  die Lizenz zum Herumlungern. Ich rufe Thomas an und er schlägt vor, dass wir auf einen Drink ins Heuer gehen.
Dort scheinen alle ein Zeitfenster zu haben, wir fallen nicht weiter auf, ich mit der gewonnen Zeit, Thomas mit der gestohlenen. Sollen wir um halb vier am Nachmittag Alkohol trinken? Ja. Schon allein um rauszufinden, ob sie hier einen richtigen Pimm’s Cocktail hinkriegen. Aber langsam. Erst mal eine „hausgemachte Limonade angesetzt mit Bio-Buchenspan-Essig von Erwin Gegenbauer“. Aber welche? Zitrone. Beeren. Dirndl. Zwetschken-Lavendel. Es klingt schlimmer als es schmeckt. Genau genommen riecht man den Essig nur, aber schmeckt ihn nicht. Und die Erdbeeren und Himbeeren verstehen sich offenbar gut mit dem Buchenspan. Die Sonne brennt uns auf den Kopf und wir verblöden ein bisschen, es ist Zeit für die Sundowner. Der Tag geht und es treten auf: „Bob Dill’n“, „Pimm’s Cup“ und „Sloe Gin Tonic“, featuring Vodka, Gelber Muskateller, Gin, Gurke, Zitronengras, Kräuter Ginger Ale & friends. Der Pimm’s hätte sich ein schöneres Glas verdient, er kommt in einem klobigen Humpen daher, mit einem riesigen Kräuterbüschel drin.

Gerade lachen wir über den rustikalen Auftritt, als sich eine Gestalt über unseren Tisch bückt. Eine ältere Frau, in schmierigem schwarzem Popelinemantel, mit strähnigen grauen Haaren und rotem Lippenstift strahlt mich an. Es fehlen ihr einige Zähne. Sie habe uns etwas anzubieten, sagt sie und legt einen dünnen Stapel Papier auf das Tischchen. Ob wir interessiert seien? Es handle sich um Gedichte, die sie geschrieben habe, eines koste 2,- Euro. Es geht etwas Warmes und Freundliches von der Frau aus und ihrer bizarren Verwahrlosung.
Die karierten Zettel hat sie mit Kugelschreiber beschriftet, jedes Gedicht mehrfach handschriftlich kopiert. Welches ihr persönliches Lieblingsgedicht sei, frage ich sie, denn das  wolle ich kaufen. Sie blättert in dem dünnen Stapel und zieht ein Blatt heraus. Auf dem karierten Zettel steht ganz oben „DenkAnsichten“, der Text ist stark gegliedert, jede Zeile aus wenigen Worten bestehend. In jeder Zeile ist das Wichtige mit einem Lineal unterstrichen worden. Wenig ist nicht unterstrichen, also fast alles wichtig. Ich kaufe das Gedicht „DenkAnsichten“ und gebe der Frau zwei Euro in die Hand. Sie nimmt die losen Blätter wieder an sich und schlurft in ihren schwarzen Crocs zum nächsten Tisch. Ich lese Thomas das Gedicht vor, an dessen Ende die Autorin ihren Namen geschrieben hat:
‚Candy Detroit‘, Philosophin. Songwriterin. Schriftstellerin. Copyright. All Rights Reserved. New York 2018.